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Verein Katamaran
Statuten

Katamaran - Verein zur Integration der tamilisch sprechenden Gemeinschaft in der Schweiz

Verbundenes Holz – Katamaran / fl;Lkuk;

Katamaran: der, auch das a) schnelles, offenes Segelboot mit Doppelrumpf, b) Boot mit doppeltem Rumpf [1]

cat-a-ma-ran (..) 3) A boat having twin hulls [< Tamil katta-maram tied wood] [2]

Gründungstext:

Bis Ende der 1980er Jahre waren die seit anfangs des Jahrzehnts als Asylbewerber in die Schweiz einreisenden Tamilen – damals fast ausschliesslich Männer - hierzulande denkbar unbeliebt. Seit anfangs der 1990er Jahre sind aus den ehemaligen „schwarzen Schafen“ die Lieblingsausländer von Herr und Frau Schweizer geworden[3]. Die Hauptgründe für diesen wundersamen Wandel: Tamilen lernten bald, Schweizer Gesetze und Verhaltensnormen zu respektieren und beeindruckten durch ihre klaglose Arbeits- und Leistungsbereitschaft. Schliesslich kamen immer mehr tamilische Ehefrauen in die Schweiz, die, wo nötig, den tamilischen Männern den letzten Schliff in Sachen Wohlanständigkeit und ausschliessliche Konzentration auf Arbeit und Familie verliehen. Und nicht zuletzt proftierten die Tamilen davon, dass aus dem Balkan stammende Migrantengruppen zum neuen Feindbild Nummer 1 der SchweizerInnen avancierten. Alles in Butter also?

 

Nein. Dieser Umschwung der öffentlichen Meinung hat der tamilischen Bevölkerung in der Schweiz abgesehen von einer Abnahme gewalttätiger rassistischer Attacken durch Rechtsextreme bisher nicht viel genützt. Sicher waren ihre Integrationschancen in den frostigen 80er Jahren schlecht. Doch auch heute, wo sie hoch in der Gunst von Arbeitgebern, Sozialarbeiterinnen, Flüchtlingsbetreuern und sogar des Stammtisches stehen, haben sich diese nur scheinbar verbessert. Der hohe Beschäftigungsgrad unter Tamilinnen und Tamilen sowie die Zufriedenheit der Chefs mit ihren tamilischen Küchenhilfen und PflegerInnen werden mit Integriertheit verwechselt. Dabei ist eine für die SchweizerInnen so ungemein exotische Gesellschaft mit einer so rigiden und komplexen soziokulturellen Struktur wie sie die tamilische Gesellschaft aufweist, nicht einfach zu verstehen und schon gar nicht einfach zu integrieren. Vorausgesetzt, man versteht unter Integration nicht einfach genug zu Essen und ein Dach über dem Kopf, sondern eine Emanzipation Richtung gleiche Lebens-, Bildungs-, Arbeits-, Aufstiegschancen und politische Rechte.

 

Was SchweizerInnen gerne übersehen oder schlicht nicht wissen können: Auch innerhalb der tamilischen Gesellschaft gibts Konflikte, die manchmal auch zu gewalttätigem oder kriminellem Handeln führen. Nur sind SchweizerInnen oder andere AusländerInnen kaum je davon betroffen. Die Tamilen (und Tamilinnen) sind also nicht einfach „besser“ oder gar besser integriert als andere MigrantInnen. Tatsächlich wird jedoch die scheinbar so pflegeleichte und wohlgelittene tamilische Bevölkerungsgruppe von staatlichen und nicht-staatlichen Institutionen mit Integrationsangeboten eingedeckt werden (Stichwort: Humanitäre Aktion 2000, Freiplatzaktionen, privilegierte Zusammenarbeit in Flüchtlingsgruppen etc.) Was diesen gut gemeinten Angeboten abgeht, ist eine kritische Analyse des Ist-Zustandes tamilischer Lebensumstände in der Schweiz, die notwendig wäre für auf einer strukturellen Ebene erfolgreiche Integrationsmassnahmen: Tamilen und Tamilinnen arbeiten zum grössten Teil als nicht qualifizierte Arbeitskräfte innerhalb der Tieflohnbranche Gastgewerbe. Die „Humanitäre Aktion 2000“, welche einigen Tausend von ihnen eine B-Bewilligung verschafft hat, bewirkt hier lediglich, dass sie von der Abwaschküche in die Fabrik wechseln können. Haben sie dadurch schon wesentlich bessere Zukunftsaussichten? Kaum. Noch immer spricht die erste Generation von Tamilen und Tamilinnen die Schweizer Landessprachen sehr schlecht. Aber weil‘s in der Küche oder am Fliessband nicht auf fliessende sprachliche Ausdruckfähigkeit ankommt – allzu gut Deutsch zu können, ist dort vielleicht gar nicht erwünscht – , fällts den SchweizerInnen nicht auf. Oder sie denken, dass die TamilInnen ja trotzdem ein anständiges Leben führen können – eben weil sie ja begehrte Arbeitskräfte sind, Familie und herzige Kinder haben – und was will der Ausländer/die Ausländerin schliesslich mehr?

 

Die Schweizer-tamilische Freundschaft ist eine ziemlich einseitige. Die meisten Tamilen und Tamilinnen erleben die SchweizerInnen nämlich als tendenziell ausbeuterische, unwirsche und/oder jähzornige Chefs, Vorarbeiter, ArbeitskollegInnen. Auch deshalb gehen sie in der Freizeit auf Distanz zur Schweizer Bevölkerung, aber auch zu anderen MigrantInnen. Die vielzitierten TamilInnen, die mit SchweizerInnen befreundet sind, deren Kinder gute Schulabschlüsse machen und die in der Schweiz einen gewissen sozioökonomischen Aufstieg geschafft haben, sind leider nur eine kleine Minderheit.

 

Schauen wir einmal die andere Seite an: Was haben die Tamilen selber für ihre Zukunft geleistet? Der srilankische Bürgerkrieg dauert schon bald zwei Jahrzehnte. Dank der modernen Kommunikationsmittel dringt er täglich visuell und auditiv in die Stube der tamilischen Diaspora in der Schweiz ein, und die Sorge um die zurückgebliebenen Familienmitglieder prägt den ihren Alltag. Tamilen und Tamilinnen führen ein Leben im Provisorium, indem sie mit dem hier sauer verdienten Geld ihre Familien und Heimatdörfer grosszügig unterstützen – statt sich selber aus- und weiterzubilden, wie sie es in Sri Lanka doch immer getan haben - und sich für die Heimreise bereit halten. Diese auch bequeme Illusion einer Rückkehr – man muss sich dann auf die Schweizer Realitäten nur beschränkt einlassen - wird nun von der 2. Generation[4]  immer mehr in Frage gestellt. Diese lebt in zwei Welten: In Schule und Freizeit verhält sie sich weitgehend wie die Schweizer Umgebung, um dann beim Heimkehren wieder auf der elterlichen 3 ½- Zimmer-Insel, in der tamilisch gesprochen, gedacht, geweint und gelebt wird, zu stranden. Was unweigerlich zu starken Spannungen und Konflikten zwischen den Generationen führt und in Zukunft noch vermehrt führen wird. Tamilische Eltern sind traditionellerweise dazu bereit, sich für die Zukunft ihrer Kinder aufzuopfern. Gleichzeitig erwarten sie von den Kindern Respekt vor den Traditionen. Und die besagen, dass man die elterlichen Wünsche erfüllt, die Familie an erste Stelle setzt und die Eltern auf keinen Fall ins Altersheim schickt. Weil also tamilische Eltern das Beste für ihre Kinder wollen, interessieren sie sich durchaus dafür, wie die Schweizer Schulen oder das Schweizer Gesundheitssystem funktionieren. Aber sie bringen zuwenig sprachliche Kompetenz mit. Und können ihre Kinder deshalb weder unterstützen, noch es verhindern, dass sie in der Mehrheit nur gerade die Realschule absolvieren und wenig Aufstiegschancen haben.

 

Deshalb brauchts eine spezielle, diesen Lebensumständen angepasste Vorgehensweise, die von tamilischen Personen zusammen mit anderen Ethnien und SchweizerInnen sowohl für die 1. wie auch für die 2. und die bald schon nachrückende 3. Generation entwickelt wird. Wenn wir nichts unternehmen, tun wir nicht nur nichts Positives, sondern fördern sogar eine gefährliche Entwicklung: wir lassen es dann nämlich zu, dass eine Generation tamilischer Jugendlicher zwischen Stuhl und Bank heranwächst, für welche die Werte der tamilischen Gesellschaft nicht mehr gelten, die aber auch in der schweizerischen Gesellschaft orientierungslos ist.

 

Oder um es mit der tamilischen Metapher zu sagen: ",U Njhzpapy; fhy; itj;jy;". Deshalb ist der Katamaran unser Symbol: nicht zwischen zwei schwankenden, voneinander wegtreibenden Booten wollen wir balancieren, sondern zwei Balken zu einem Boot – einem Katamaran eben – verbinden.

Bildhaft gesprochen wollen wir mit diesem aus zwei Teilen bestehenden Boot auch Verbindungen und Verbindlichkeiten schaffen zwischen dem Schweizer Festland, der tamilischen Diaspora-Insel und den Inseln der anderen in der Schweiz lebenden MigrantInnen. Denn anders als eine Brücke, die nur zwei Orte miteinander verbindet, kann ein Boot viele Orte ansteuern. Das ist besonders wichtig, weil es unbedingt auch eine verbesserte Integration von MigrantInnen in der Schweiz untereinander braucht: In jenen Schulstufen, in denen sich die meisten tamilischen Kinder aufhalten, sind sie nicht so sehr mit Schweizer Kindern als vielmehr mit andern ausländischen Kindern konfrontiert, mit denen sie das Zusammenleben üben und Konflikte lösen müssen. Wenn die Bevölkerungsentwicklung in der Schweiz dem bisherigen Trend folgt, dann werden Kinder mit ausländischem Pass und/oder mit einem Migrationshintergrund bald die Mehrheit der Schulkinder mindestens in den Städten und Agglomerationen stellen. Und dann sind wirklich multilateral-interkulturelle Lernformen und Verhaltenstrainings gefragt.

 

Aber brauchen wir dazu noch einen tamilischen Verein, wo es doch schon soviele gibt? Ja unbedingt. Denn die meisten bestehenden tamilischen Vereine setzen auf die Pflege der heimatlichen Kultur und Sprache und betreiben eine bewahrende Identitätspolitik. Weil sie von ihren Strukturen her nicht für eine Anpassungspolitik eingerichtet sind, sind sie auch entsprechend unattraktiv für die 2. oder 3. Generation, die dadurch Gefahr läuft, ihr kulturelles Erbe zu verlieren, von den ethnischen Fussball- und Tanzvereinen abgesehen.  Für eine erfolgreiche Integration braucht es sowohl Anpassung als auch Bewahrung. Diese zwei Zutaten lassen sich meistens aber nicht einfach mischen, sondern müssen sorgfältig aufeinander abgestimmt nebeneinander weiter entwickelt werden. Das sind komplexe Prozesse, in denen verschiedenen Akteuren eine Rolle zukommt. Katamaran übernimmt darin den Part einer auf Anpassung und Verständnisförderung ausgerichteten Politik. Aber nicht im überkommenen Sinn der früher propagierten einseitigen Assimilation von MigrantInnen an eine Schweizer Einheitskultur. Sondern im Sinn einer gegenseitig zu leistenden Anpassung von SchweizerInnen, TamilInnen und anderen MigrantInnen gegenüber der jeweilig anderen Kultur. Für die SchweizerInnen heisst das insbesondere, dass sie sich über oberflächliche Sympathien hinaus für die tamilische Kultur und Gesellschaft interessieren und sie zu verstehen versuchen. Denn machen wir uns nichts vor: die die multikulturelle Schweiz ist eine Realität, die sich nicht per Volksabstimmung abschaffen lässt. Deshalb sollten wir alle versuchen, dieses multikulturelle Potenzial so positiv wie möglich zu nutzen und seine negativen Auswirkungen so gut als möglich zu vermeiden oder zu überwinden.

 

Zuweilen brauchts jedoch trotz dem früher gemachten Vorbehalt eine Fusion von Bewahrung und Anpassung. Deshalb darf und soll Katamaran punktuell auch mit den bisher bestehenden tamilischen Vereinen zusammenarbeiten. Genauso wie mit schweizerischen oder gemischt kulturellen Vereinen mit ähnlichen Zielsetzungen, wie Katamaran sie hat. Und auch mit den paar wenigen bestehenden regional ausgerichteten tamilisch-schweizerischen Integrationsvereinen. Als Mitglieder wollen wir ganz besonders die 1., 2. und 3. Generation tamilischer Personen in der Schweiz ansprechen, seien sie nun aus Sri Lanka oder aus dem südindischen Tamil Nadu. Ebenso von Schweizer Eltern adoptierte tamilische Kinder und binationale Paare. Und auf der anderen Seite eben Frauen und Männer mit oder ohne Schweizer Pass, denen Integration und die Bereitschaft zur ernsthaften Auseinandersetzung mit Menschen und Gruppen aus anderen Kulturen ein Anliegen sind.

 

 

 

Willkommen im Boot!

 


 

[1] Duden, Band 5, S. 389

[2] Collier’s Standard Dictionary of the English Language, Vol. 1, p. 209

[3] „Vom Feind zum Freund (1980 – 2000)“, Lizentiat Universität Fribourg

[4] Der Begriff 2. Generation ist diffus. Wir denken dabei an jene Tamilinnen und Tamilen, die entweder in der Schweiz geboren wurden oder hier noch 5 Jahre der obligatorischen Schulzeit absolviert haben. Ein etwas banal scheinender, aber nützlicher Indikator ist die Fähigkeit, sich möglichst akzentfrei in Schweizer Mundart auszudrücken und die Mundart der Muttersprache im Alltag vorzuziehen.